Nils Eichberg


 

 

Artist Statement:

 

Wie erklärt sich der Titel ihrer Berliner Ausstellung?

 

Alt F4 ist der deutsche Windows shortcut, um ein Programm zu beenden. Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Anthroposophie in Europa aufgekommenen Modell des Menschen. Unsere Zukunft als Menschheit wird von uns selbst gestaltet und wir benutzen für diese Arbeit Bilder, die wir uns von der Welt machen. Die Qualität ihrer und meiner Zukunft ist also direkt abhängig von der Qualität dieser Bilder. Meine künstlerische Arbeit ist hauptsächlich der Versuch, den quälenden Wust lebenslang gesammelter, fremd bestimmter Bildern wieder loszuwerden, um dadurch hoffentlich zu meinen eigenen zu finden. Ich versuche, meine Festplatte zu leeren, aufzuräumen. Von den Milliarden gesammelten Anblicken einige auszuwählen und durch die Überführung in etwas völlig neues wieder zu löschen, ist sehr erfrischend und schafft Platz zwischen den Synapsen.

 

Nach welchen Bildern suchen sie denn?

 

Jeder Anblick zeigt einen winzigen Ausschnitt einer dahinter liegenden Wirklichkeit. Ich suche einen Zugang zu dieser den Sinnen verborgenen Realität, zum Beispiel durch den Umgang mit Farbe. Farbe ist die eigentliche Substanz der Dinge, ich glaube nicht an den Unsinn, das die Welt aus einem Haufen schwirrender Nichtse besteht. Besonders deutlich wird mir das bei dem Umgang mit alten Farbfotos. Wenn man diesen seit Jahrzehnten an eine Oberfläche gefesselten Farben das Spielen erlaubt, fangen sie wirklich an zu tanzen und eine vergangene Welt zeigt ihr Gesicht.

 

Gehört dieses hier auch dazu?

 

Nein, das ist ein Bild von Triton, ein relativ unbekannter Mond des Planeten Neptun. Das gehört in den Zyklus Invisible Colors. Die Farben auf der Oberfläche dieses Mondes sind noch nie von einem menschlichen Auge gesehen worden. Das Ursprungsbild zu dieser Arbeit ist von einem Fotoapparat gemacht worden, der zwölf Jahre mit 12 Kilometern pro Sekunde zu seinem Ziel unterwegs war, sein Bild zu uns gefunkt hat und nie wieder zurück gekehrt ist. Diese Farben sind sozusagen unverbraucht, sie gehören einer nichtmenschlichen Welt an und verweisen schon dadurch ins Übersinnliche.

 

Und all diese unbekleideten Damen?

 

Die verweisen auf das Gleiche aus einer anderen Richtung. Zu den hartnäckigsten Bildern in meinen Kopf gehören die Pornos, denen ich als 14 jähriger in einer Gesellschaft ausgesetzt war, die sich zunehmend durch Tabubrüche konstituiert hat. Diese selbst inszenierten Nackedeis versöhnen mich mit der Gewalt der Kräfte, denen ich mich seit der Pupertät ausgesetzt fühle. Die Unkontrollierbarkeit von Sexualtität ist mit der Unausweichlichkeit des Todes nah verwandt. Insofern auch das ein Hinweis auf das Jenseits.

 

Warum die Blumen?

 

Eine Phantasie über Unschuld. Blumen sind schlafende Wesen. Sie haben keine Bedürfnisse, keinen eigenen Antrieb. Ihre Traumbilder haben keine Berührungspunkte mit ihrer physischen Existenz. Eigentlich sind sie woanders. Ich arbeite gern mit Bildern von Blumen. Im Gegensatz zu Menschen behalten Blumen ihre Farben, wenn ihre Zeit vorbei ist. Das Material für diese Bilder ist mit einem Scanner gemacht worden. Ein Scanner lichtet lediglich Oberflächen ab. Wenn dann durch die Arbeit im Bild doch ein Raum oder ein Körper entsteht, hat er eine unwirkliche Qualität, die mich interessiert.

 

Wie passen ihre abstrakten Bilder zu diesem Thema?

 

Wenn ich am Computer mit Farbphotos arbeite, gibt es immer die Spannung zwischen Farbe und Motiv. Meine ältesten Arbeiten leben ausschliesslich von diesem mit- und gegen einander. Es gibt dann den Moment, wo das Motiv verschwindet und lediglich die Substanz des abgebildeten Dinges in Form von Farbe übrig bleibt. Ich denke, da bin ich dann am Kern der Malerei. Mit Aufkommen der Fotografie überhaupt verlierte die Malerei ja die Aufgabe der Dokumentation - der Abbildung von Dingen und machte sich auf die Suche nach etwas anderem. Im Atelier von Piet Mondrian hingen viele Fotos von russischen Esoterikern und er hat die Geometrielehre von Euklid noch im Original gelesen. Zur Zeit der Griechen gab es noch keine Wissenschaft, in deren Dienst die Mathematik stehen konnte. Jemand wie Malevitsch ist diesen Weg dann bis zum Ende gegangen und hat zum Schluss auch die Farbe eleminiert. Sein schwarzes Quadrat gilt wahrscheinlich zu Recht als Ikone unserer Zeit – zumindest des letzten Jahrtausends.

 

Auszug aus einem Gespräch zwischen Dr. Bope und Nils Eichberg.

Dr. Bope ist Chirurg einer südafrikanischen Privatklinik und Kunstsammler.

Johannesburg im August 2009

 


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