Frank Hülsbömer


Interview mit dem Künstler zu seiner Buchveröffentlichung:

 

Frank Hülsbömer-The Fiction Of Science

January 10, 2010 | von Miriam Rauh

 

„Der Verkauf interessiert mich eigentlich nicht,“ sagt der in Berlin lebende Fotograf Frank Hülsbömer auf die Frage, was genau ihn am Publizieren reizt. Er sei im Gegenteil sogar ein bisschen wie der Juwelier in E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderie,“ der sich seine Schmuckstücke zurückholt und dabei auch vor Greueltaten nicht zurückschreckt. Aber keine Sorge, so weit würde Frank Hülsbömer niemals gehen. Er hat einen anderen Weg gefunden. Indem er sie in seinem Bildband THE FICTION OF SCIENCE versammelt, konserviert er einige seiner Werke für den Betrachter für die Ewigkeit – und eben auch für sich.

 

„Whether sketchily visualized thoughts or meticulously staged motifs, his dynamic depictions of immobile objects often resemble computer renderings,“ heißt es im Katalog des Gestalten Verlages zur Vorstellung Deines Buches THE FICTION OF SCIENCE.

 

Woher kommt Deine Liebe zur Perfektion?

Es ist keine Liebe. Eher eine Angst und Unwohlsein, wenn etwas nicht gut ist. Von Perfektion will ich gar nicht sprechen. Es gibt sie nicht. Perfektion ist nur eine Idee, die man anstreben kann.

 

Wie definierst Du „Schönheit“?

Sie bedingt Geist, Intelligenz, Humor, Ernsthaftigkeit, eigenständigen Charakter und die richtigen Proportionen des Körpers zu seiner Oberfläche und der Farben zu ihrer Anordnung und Menge.

 

Deine Arbeiten scheinen oft ein Wechselspiel aus Theoretischem und Visuellem zu sein; Du selbst wirkst manchmal eher wie ein visueller Philosoph als ein Fotograf. Wie würdest Du Dich selbst in Deiner Arbeit beschreiben?

Gefällt mir. Vielleicht drucke ich doch mal Visitenkarten: F. Hülsbömer, visueller Philosoph, Musterstrasse…

 

Hattest Du von Anbeginn Deiner beruflichen Laufbahn an eine Faszination für geometrische Arrangements oder hat sich Dir die Bilderwelt über einen anderen Zugang erschlossen?

Die Geometrie ist u.a. durch die Beschäftigung mit der Sprache der Mathematik (Gottlob Frege/Begriff, Funktion, Bedeutung) in den Vordergrund getreten. Organische Arrangements waren aber noch nie mein Ding. Das kann die Natur besser.

 

Wer sind Deine Vorbilder im fotografisch-künstlerischen Bereich? Und wer in anderen Bereichen?

Roman Signer, Fischli&Weiss in der bildenden Kunst. In der Literatur Musil, Joyce, Bachmann aber ich lese fast nie Fiction, es sei denn, sie gibt vor, Wissenschaft zu sein. Musik: alles von Bach bis DAF. Es gibt vieles in der zeitgenössischen Musik, was mir gefällt: Battles, Fever Ray, Hot Chip, Moderat, TV on the Radio, Wild Beasts…

 

Gibt es einen bestimmten Grundsatz, nach dem Du arbeitest?

Es muss zu einem solchen Grad neu und ungesehen sein, dass man maximal Verwandte darin erkennt aber es niemals kopiert oder epigonisch ist. Es gibt nur einen Menschen mit der Namenskombination Frank Hülsbömer auf diesem Planeten, da mein Nachname sehr selten ist. Ähnlich individualistisch ist meine Arbeitsmaxime. Aber natürlich gibt es Einflüsse und Moden, denen ich mich nicht verschließen kann oder will.

 

Was inspiriert Dich? Gibt es Motive, die Dich immer wieder faszinieren?

Ich baue seit ein paar Jahren meine Motive ja ausschließlich selber, weil ich mir, aufgrund einer einschneidenden Änderung in meinem Leben, schnell eine Parallelwelt bauen musste, die alle Widersprüche zulässt oder sogar glücklich vereint.

Ich arbeite stark mit bzw. aus dem Unbewussten. Farben und Formen bilden hier Gedanken und Erzählungen, die teilweise nur gefühlt und geahnt werden können. Das Bewusste kann mir größtenteils gestohlen bleiben. Es wurde gerade in der letzten Zeit in der (Konzept-) Kunst völlig überschätzt und hat sich – in einem Wust von Theorie, Erklärungen und Analysen – sehr breit gemacht und den Spielball der Kunst an die Kritiker abgegeben, dabei wissen wir doch, dass das Unbewusste eine Denkmaschine von so unglaublicher Geschwindigkeit und Komplexität ist, dass ein Computer mit einer solchen Rechenleistung an dem banalsten aller Probleme scheitern würde; seiner eigenen Kühlung. Der Neurologe Wolf Singer (Prof. Dr. Wolf Singer, Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt/Main) hat dazu einmal sehr amüsante Ausführungen gemacht.

 

Du hast eine Weile in New York gelebt, in Warschau und lebst aktuell vorrangig in Berlin. Welcher Wohnort war Dein liebster und wo hast Du das bis jetzt günstigste Klima zum Arbeiten für Dich vorgefunden und warum?

Anfang der 90er mit 23 Jahren in New York… das war eine Befreiung. Mit einem Schlag verlor ich fast sämtliche chronischen Krankheiten. Es war ein einziger Rausch. Ich habe dort aber noch nicht künstlerisch gearbeitet sondern nur getankt und schlechte deutsche Gewohnheiten abgelegt. In Warschau begann ich langsam mit dem künstlerischen Arbeiten. In Berlin gerät man schnell an einen “point of no return”. Wo kann man danach noch ernsthaft leben und arbeiten? Vielleicht in einem mittelalterlichen Dorf in Italien aber dort würde ich den ganzen Tag nur im Garten auf einen Pfirsichbaum starren und käme nicht mehr zum Arbeiten

 

Gibt es einen Ort, an den es Dich immer wieder zieht, beziehungsweise einen, an dem Du noch nicht warst, den Du aber unbedingt besuchen möchtest?

Ja, Israel. Ich werde nun dieses Jahr endlich dort hinfahren zu einer Hochzeit in Tel Aviv. Auch wenn mich die politische Situation enorm aufregt.

 

Wenn Du unabhängig von finanziellen und räumlichen Gegebenheiten wärst, welches Projekt würdest Du umsetzen?

Finanzen und Räume sind nicht meine Begrenzung. Eher Zeit. Ich hätte gerne mehr Zeit, um mein Unbewusstes weiter vollzupumpen und den Alltag auszublenden. Dann würde ich da sitzen und warten, bis mein Prozessor anfängt zu rotieren. Es gibt kaum Schöneres, als den handwerklichen Akt des Fotografierens, bei dem das Unterbewusste die Hand führt und den Plan manchmal spontan über den Haufen wirft. Ich lache dabei manchmal vor Rührung oder Überraschung.

 

An was arbeitest Du aktuell?

An den Photokinetics. Sie entwickeln sich mehr und mehr zu animierten Filmen. Ich träume davon, aus ihnen ein Musikvideo für Radiohead zu machen.


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